Digitale Zeichnung des Portraits einer Frau

Susanne Walle 

Wohnhaft in St. Ingbert im 18. Jahrhundert

 /   Genauere biografische Daten unbekannt


Über Susanne Walle

Hebamme

Hebammen hatten eine herausgehobene Position innerhalb der weiblichen Dorfbevölkerung. Sie standen neben anderen Helferinnen den Frauen in den schweren Stunden der Geburt zur Seite und wirkten entscheidend dabei mit, ob der für Mutter und Kind lebensgefährliche Vorgang ein glückliches Ende fand.

Über die St. Ingberter Hebamme Susanne Walle erfahren wir durch ein Dokument, das sich im Staatsmuseum Speyer erhalten hat und über das der St. Ingberter Chronist Wolfgang Krämer berichtet. Darin geht es um die Bestellung einer neuen Hebamme und wir erhalten aufschlussreiche Einblicke in die frühneuzeitliche Gesellschaft. Ganz allgemein konnte eine Frau zur Landhebamme bestellt werden, die bereits mehrfache Mutter war, ein fortgeschrittenes Alter hatte und sich in der Geburtspraxis als am geschicktesten erwiesen hat. Sie wurde in geheimer Wahl von den Dorfbewohnerinnen per Mehrheitsprinzip bestimmt. 

Dieses einzige seit dem 16. Jahrhundert überlieferte Wahlrecht der Frauen hatte man seitens kirchlicher, medizinaler und herrschaftlicher Institutionen immer wieder zu beschneiden versucht. Arbeiteten sie über Jahrhunderte auf eigene Verantwortung und erwarben ihr Wissen durch andere heilkundige Frauen und eigene Erfahrungen, so wurden sie im 18. Jahrhundert unter die Aufsicht von Stadtärzten und Chirurgen gestellt. Neben die Hebammen traten männliche Geburtshelfer und „Accoucheure“, die das Handwerk des Wundarztes bei einem Barbier erlernt hatten. Einer davon war der Stadtchirurg Reuther, der in Saarbrücken auf Anordnung des Fürsten Wilhelm Heinrich am Ludwigsplatz eine „Hebammenschule“ einrichtete und die Order erhielt, die künftigen Hebammen zu examinieren. Diese erhielten einen festen Lohn und zählten als einzige weibliche Personen zu den Stadtbediensteten.[1] Auch in St. Ingbert mussten sich für das Amt der Hebamme geeignete Personen vom Amtsarzt in Augenschein nehmen und anlernen lassen.  

Das Deckblatt eines Hebammen-Lehrbuchs. Die Aufschrift lautet: "Rosegarten. Das vierd Capitel fragt wie sich eine yede frau/in/vor/und nach der geburt halte soll und wie man in harter geburt zu hilff koommen soll". Darunter ist eine Abbildung, die eine Frau bei der Geburt auf einem Hebammenstuhl sitzend mit einer Hebamme vor sich und einer weiteren Frau hinter sich.
Ein erstes Lehrbuch von 1513 von Eucharius Rösslin (Eucharius Rößlin 1513: Der Swangern frawen vnd hebammen roszgarten, S. 23. Gemeinfrei via WikimediaCommons unter <https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Der_Swangern_frawen_vnd_hebamme_n_roszgarte_n_b_23.png.png - Wikimedia Commons>.)


Anfang Mai 1777 in St. Ingbert…

Nachdem am 1. Mai 1777 die Vorgängerin verstorben war, erging von der Obrigkeit die Order, unverzüglich von „samtlichen weibern in der gemeind eine dugentsame verschwiegene person“ als Nachfolgerin wählen zu lassen. Zwei Frauen wurden ermittelt, die beide jeweils über 60 Stimmen der Dorfbewohnerinnen erhalten hatten. Der Pfarrer wünschte sich, dass in diesem „volck- und weiberreichen Ort“ gleich beide Kandidatinnen für das Amt zugelassen würden, zumal damals die Säuglingssterblichkeit sehr hoch war und viele Frauen im Kindbett starben. Beide Frauen seien auch in ihrer sittlichen Haltung sowie Religion „höchstrühmlich“. Daher wurden am 5. Mai sowohl die verwitwete Susanne Walle als auch die verheiratete Catharina Bastian nach Blieskastel beordert, dem Sitz der landesherrlichen Verwaltung. 

Es stellte sich heraus, dass die Bastian „keinen weiblichen Vorstand in ihrem Hause habe, sie mithin gantz alleine die Haushaltung zu besorgen genöthigt seye, angesichts ihr Mann jederzeit in den Kohlengruben arbeitet und dahero sich niemand zu Haus befinde.“ Die Walle hatte hingegen als Witwe fünf Kinder zu versorgen, von denen nur eines bereits erwachsen war. Dennoch wollten beide gern die Stelle als Hebamme antreten, allerdings forderten sie eine Erhöhung der „gar zu geringen Gebühren“, da sie bei Geburten eine 8- und manches Mal eine 14-tägige Aufwartung machen müssten. Beide Frauen wurden vom gräflichen Leibchirurgen Saal examiniert, wobei die Walle als tauglich erachtet wurde, während die Bastian die Prüfung offenbar nicht bestanden hat. Auf welche Weise das „Examen“ damals von statten ging und welche Ausbildung den Leibchirurgen der gräflichen Familie befähigte, sein Amt auszuüben, ist leider nicht bekannt. Jedenfalls erging am 9. Mai eine oberamtliche Verfügung an den Meyer (eine Art Ortsvorsteher) von St. Ingbert, Susanne Walle offiziell als Hebamme zu bestätigen.[2] 

Über ihr Werkzeug bzw. ihre Ausstattung ist den Akten noch zu entnehmen, dass ihr von der Gemeinde ein Hebammenstuhl zur Verfügung gestellt wurde. Die Klagen über die geringe Besoldung der Hebammen hielten auch in den folgenden Jahrzehnten noch an, so hatte der Viehhirt eines mittleren Dorfes einen höheren Jahreslohn zu erwarten als die ganzen Hebammen eines Amtes zusammengenommen, d.h. diese standen auf der niedrigsten Stufe der Gemeindebediensteten. Verbürgt ist jedoch für St. Ingbert, dass die Susanne Walle, auch „Peter Großens Wittib“ genannt, noch im Jahr 1790 ihr Amt als Hebamme versah.[3]


 Verfasst von: Dr. Susanne Nimmesgern, Historikerin und Frauenbeauftragte des Saarpfalz-Kreises

Veröffentlicht: 15.09.2025; Zuletzt aktualisiert: 31.03.2026.

Zitat

Auf dem Land war die Niederkunft eine Frauensache. Sie war keine Familienangelegenheit, sondern ein öffentliches Ereignis, an dem neben der Hebamme die weiblichen verheirateten und verwitweten Familienmitglieder, die Nachbarinnen und Freundinnen – zumeist waren es zwischen fünf und sieben Frauen - teilnahmen.“

Labouvie, Eva: Sofia Weinranck, Hebamme von St. Johann. Städtische Geburtshilfe bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, in: Annette Keinhorst/Petra Messinger (Hg.), Die Saarbrückerinnen. Beiträge zur Stadtgeschichte, St. Ingbert 1998, S. 225-248, hier S. 225.

Fußnoten

[1] Eva Labouvie, Sofia Weinranck, Hebamme von St. Johann. Städtische Geburtshilfe bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, in: Annette Keinhorst/Petra Messinger (Hg.), Die Saarbrückerinnen. Beiträge zur Stadtgeschichte, St. Ingbert 1998, S. 225-248, hier S. 225 f.

[2] Krämer, Wolfgang: Geschichte der Stadt St. Ingbert von den Anfängen bis zum Ende des Zweiten Weltkriege. Eine Heimatkunde aufgrund archivalischer Quellen, St. Ingbert 1955, Bd. 1, S. 178.

[3] Ebd. S. 180.

Zum Weiterlesen

Labouvie, Eva: Beistand in Kindsnöten. Hebammen und weibliche Kultur auf dem Land (1550-1910), Frankfurt a. Main 1999

Dies.: Andere Umstände. Eine Kulturgeschichte zur Geburt, Köln/Weimar/Wien 2000

Metz-Becker, Marita: Hebammen und medizinische Geburtshilfe im 18./19. Jahrhundert, in: Die Hochschule 1 (2013), S. 33-42.

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