
Elisabeth Koelle-Karmann
Geborene Karmann
1890 in St. Ingbert
1974 in Altomünster
Über Elisabeth Koelle-Karmann
Malerin
… immer zu Späßen und zu Lausmädchen- und Lausbubereien bereite Kinder – mit einem Wort: Ich liebe sie.“
Kindheit in St. Ingbert
Elisabeth Karmann war die Tochter des Steigers Heinrich Karmann und seiner Frau Elisabeth, geb. Lösch. Im damals bayerischen St. Ingbert, ihrer Geburtsstadt, verbrachte die Malerin, Pastellzeichnerin und Grafikerin ihre Kindheit. Das künstlerische Talent des Mädchens zeigte sich in einer frühen Begeisterung für das Zeichnen. Mit fünf Jahren bedeckte sie jede verfügbare Unterlage – Papier war teuer – mit kleinen Zeichnungen und wurde dafür, so erinnerte sie sich in einem Interview von 1965 mit Irmengard Peller vom Saarländischen Rundfunk, als „Kritzlersch“ verunglimpft. Daraufhin zeigte sie ihre Bilder niemandem mehr und verzog sich in die hinterste Ecke des Dachbodens, um dort ungesehen zeichnen zu können. Gleichzeitig versteckte sie sich, vor allem aber ihre kleinen Werke, selbst vor ihren Eltern. Der Vater bestand darauf, zu erfahren, was sie heimlich tat, wenn sie auf das Rufen der Mutter nicht reagierte. Nachdem er die Ergebnisse ihres verborgenen Schaffens gesehen hatte, war er nicht nur sehr angetan von ihren Zeichnungen, sondern unterstützte sie darin. Sie verbrachten gemeinsame Zeit, indem er mit ihr in den Wald ging, wo sie nach ihrem eigenen Wunsch Bäume zeichnen konnte. Nach dem frühen Tod des Vaters besuchte sie mit elf Jahren das Internat der Höheren Mädchenschule des Klosters St. Magdalena in Speyer. Dort, so erinnerte sie sich, habe man versprochen, dass sie zeichnen und malen dürfte, was aber sich aber zu ihrer persönlichen Enttäuschung schlussendlich auf zwei Stunden in der Woche beschränkte. Nach der Schule bahnte sie sich durch eigene Arbeit ihren Weg und ging nach München, um malen zu können.
Eine der ersten Frauen der Münchner Akademie
Nicht nur in München waren noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts teure Privatschulen die einzige Einrichtung, in der kunstbegabte Schülerinnen überhaupt Mal- und Zeichenunterricht nehmen konnten. Solche Malklassen wurden meist von Künstlern unterhalten, die sich damit einen Nebenerwerb sicherten, sich jedoch nicht zwingend um ein Gütesiegel für eine qualitätvolle Ausbildung bemühten. Erst ab dem Wintersemester 1920/21 wurde Frauen überhaupt der Zugang an die Münchener Akademie durch das Bayerische Staatsministerium eröffnet, was sowohl bei Professoren als auch bei männlichen Studenten größtenteils auf Ablehnung stieß und sich auch in der Folgezeit nicht wesentlich änderte.[1]
Dennoch schlug auch Elisabeth Karmann zunächst ihren Weg zur Kunst über die Privatschule von Prof. Heinrich Knirr[2] (1862-1944) bei Prof. Andreas Sailer ein. Wohnen konnte sie während ihrer Münchner Studienzeit in einer Pension für „höhere Töchter“, die von einem Schriftstellerpaar geleitet wurde.[3] 1921 bestand sie die Aufnahmeprüfung und wechselte zur Akademie der Bildenden Künste in München, wo sie eine der ersten weiblichen Studierenden der 1920er-Jahre war.[4] Finanzielle Unterstützung erhielt sie, neben selbst erarbeiteten Einkünften, von ihrem Bruder. Darüber hinaus gewährte die Hochschule ihr eine Semestergeldbefreiung.[5] Dennoch schien man von Seiten der Akademie wenig Anstrengungen unternommen zu haben, die Studentinnen zu fördern, insbesondere bei der Vermittlung der Möglichkeiten zum Weiterkommen, wozu Stipendien, Ausstellungen und Wettbewerbe gehörten.[6] Ab 1923 wurde sie jedenfalls Meisterschülerin im Fach Malerei und Graphik bei Prof. Karl Caspar (1879-1956) und schloss ihr Studium 1925 ab. Im gleichen Jahr heiratete sie den Bildhauer Fritz Koelle (1895-1953) aus Augsburg, den sie zwei Jahre zuvor als Studenten der Akademie kennengelernt hatte und mit dem sie seit 1924 verlobt war. Sie beide lebten in einer – wie sie im Gespräch mit dem SR schilderte – künstlerischen Gemeinschaft mit gegenseitiger Anregung und kritischer Förderung. Schon während ihres Studiums stellte sie eigene Werke in der Pinakothek, im Deutschen Museum sowie im Münchner Glaspalast[7] aus, dem vielgerühmten Ausstellungsgebäude, das 1931 niederbrannte. Etliche Kollektivausstellungen und Preise für ihr Werk folgten. Seit 1925 stellte sie in der „Münchner Neuen Sezession“ aus. Auch gemeinsame Ausstellungen mit ihrem Mann führten dazu, dass sie in der Münchner Presse als „Künstlerehepaar“ benannt wurden. 1933 kam ihr Sohn Fritz Koelle jun. zur Welt.

Ihr künstlerisches Werk
Elisabeth Koelle-Karmann malte in München-Grünwald, wo sie mit ihrem Mann ihren Wohnsitz nahm, Stillleben, Landschaftsbilder und Porträts. Sie verbrachte auch weiterhin viel Zeit bei ihrer Familie in St. Ingbert, wodurch auch ihr Mann, von dem im Saarland noch einige Bronzen im öffentlichen Raum zu finden sind, die Welt der saarländischen Industriearbeiter kennenlernte und selbst Kontakte knüpfen konnte. Breite Bekanntheit erreichte sie vor allem durch naive Kinderbilder und –zeichnungen sowie Aquarelle, die ihr späteres Schaffen prägten. Ihre Kinderbildnisse zeigen Kinder unterschiedlicher Charaktere und Gefühlsregungen, die sich jedem, der sie betrachtet, unmittelbar erschließen. Die Darstellungen kommen stets mit, wie sie es selbst ausdrückt, „Lausmädchen- und Lausbubereien“ daher und haben fast immer einen Bezug zu ihrer Geburtsstadt St. Ingbert, ihrer eigenen, glücklichen Kindheit und dem Bergarbeiter-Milieu ihrer saarländischen Heimat. Konsequenterweise lieferte sie auch Illustrationen für den saarländischen Bergmanns-Kalender, die sich mit dem Milieu der Menschen aus einfachen Bevölkerungsschichten auseinandersetzen. 1953 verstarb ihr Mann auf einer Reise im Interzonenzug München-Berlin. Sie selbst setzte ihre Arbeit fort, und so widmete ihr das Augsburger Schaezler-Palais 1963 in der Heimatstadt ihres Mannes die Ausstellung „Die Welt der Kinder“ mit 200 Werken ihrer Kunst. Im gleichen Jahr verlieh ihr das Haus Wittelsbach für ihr Schaffen – u.a. für die „Ludwig-Ferdinand-Mappe“ mit 15 Bleistiftzeichnungen und Aquarellen – die Kronprinz-Rupprecht-Medaille.[8] In St. Ingbert wurde 1964 die Krummfuhrstraße in Koelle-Karmann-Straße umbenannt.
Es folgten als Ehrungen das Bundesverdienstkreuz, der Bayerische Verdienstorden, das Verdienstkreuz I. Klasse, ein Sonderstempel der Deutschen Bundespost sowie eine Ausstellung der Stadt Saarbrücken zu ihrem Werk im Funkhaus Halberg. 1972 errichtete sie die „Elfriede Kohnstamm-Lafter-Stiftung“ in St. Ingbert, die aus einem „Künstlerinnen-Hilfsverein“ hervorging und dessen Vorsitzende sie 18 Jahre lang war. Die noch 2025 im Verzeichnis der rechtsfähigen Stiftungen im Saarland benannte Institution setzt sich für begabte St. Ingberter Künstlerinnen ein.
1974 verstarb die Künstlerin in Altomünster. Ein Großteil ihres künstlerischen Nachlasses wurde 1975 in Saarbrücken öffentlich im Auktionshaus Peretz versteigert. Ein Teil ihres schriftlichen Nachlasses wird im Stadtarchiv St. Ingbert aufbewahrt. Ihre Werke befinden sich in Privatbesitz, in öffentlichen Gebäuden, im Bayerischen Staatsarchiv sowie in Museen und Kirchen.[9]
Verfasst von: Dr. Jutta Schwan, Kunsthistorikerin im Kulturmanagement des Saarpfalz-Kreises
Veröffentlicht: 04.05.2026; Zuletzt aktualisiert: 04.05.2026.
Fußnoten
[1] Mundorff, Angelika / Kink, Barbara (Hg.): Frau darf… . 100 Jahre Künstlerinnen an der Akademie. Museum Fürstenfeldbruck. Spurensuche – Künstlerinnen vor 1920, Fürstenfeldbruck 2020, S. 66.
[2] Scharwath, Günter: Das große Künstlerlexikon der Saarregion, Saarbrücken 2017: Koelle-Karmann, Elisabeth, S. 547.
[3] Jooss, Birgit: Ein Opportunist in drei politischen Systemen. Der Bildhauer Fritz Koelle und sein Werk, S. 29-49, hier S. 36, in: Braun, Jutta / Süß, Winfried (Hg.): Kunst und Kultur nach dem Nationalsozialismus. Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus 40, Göttingen 2025.
[4] https://www.vergessene-kunst.de/kuenstler/
[5] https://www.koelle-online.de/Pages_ek/ek_1.html: Die Malerin Elisabeth Koelle-Karmann.
[6] Hopp, Meike: „Das Allerhöchste aber hat eine […] Frau noch nie erstrebt, geschweige denn erreicht. Frauen an der Akademie der Bildenden Künste München. Frauen an der Akademie. Fürstenfeldbruck 2020, S. 80.
[7] Der Glaspalast wurde 1854 von August von Voit errichtet, der auch die Pläne für die Kirche St. Michael in Homburg fertigte.
[8] Bellinger, Gerhard J. / Regler-Bellinger, Brigitte: Schwabings Ainmillerstrasse und ihre bedeutendsten Anwohner. Ein repräsentatives Beispiel der Münchner Stadtgeschichte von 1888 bis heute, 2. Auflage, Norderstedt 2012 (1.Aufl. 2003), S. 181.
[9] https://www.koelle-online.de/Pages_ek/ek_1.html. Eine Bergmannstochter macht ihren Weg.
Zum Weiterlesen / Literatur / Quellen
Literatur
Bellinger, Gerhard J. / Regler-Bellinger, Brigitte: Schwabings Ainmillerstrasse und ihre bedeutendsten Anwohner. Ein repräsentatives Beispiel der Münchner Stadtgeschichte von 1888 bis heute, 2. Auflage, Norderstedt 2012 (1.Aufl. 2003), S. 181.
Dahl, Michael: Elisabeth Koelle-Karmann (1890–1974). Keine Ehrenbürgerin für St. Ingbert. In: Heidemarie Ertle, Gerhard Sauder (Hrsg.): St. Ingberter Biografien 2., St. Ingbert 2025, S. 127–139.
Hopp, Meike: „Das Allerhöchste aber hat eine […] Frau noch nie erstrebt, geschweige denn erreicht. Frauen an der Akademie der Bildenden Künste München. Frauen an der Akademie. Fürstenfeldbruck 2020, S. 80.
Jooss, Birgit: Ein Opportunist in drei politischen Systemen. Der Bildhauer Fritz Koelle und sein Werk, S. 29-49, hier S. 36, in: Braun, Jutta / Süß, Winfried (Hg.): Kunst und Kultur nach dem Nationalsozialismus. Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus 40, Göttingen 2025.
Scharwath, Günter: Das große Künstlerlexikon der Saarregion, Saarbrücken 2017: Koelle-Karmann, Elisabeth, S. 547.
Online
https://www.koelle-online.de/Pages_ek/ek_1.html: Die Malerin Elisabeth Koelle-Karmann
https://institut-aktuelle-kunst.de/kuenstlerlexikon/koelle-karmann-elisabeth
https://sr-mediathek.de/index.php?seite=7&id=120340: Elisabeth Koelle-Karmann: „Ich bahnte mir nach dem Krieg selbst den Weg“. Gespräch mit Irmengard Peller, 19.12.1965.


