
Über Edith Aron
Autorin und Übersetzerin
Edith Aron war Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin. Ihr Lebensweg führte sie von ihrem Geburtsort Homburg über Argentinien und Paris bis nach London. In ihrer Tätigkeit als Sprachmittlerin prägte sie die deutschsprachige Rezeption lateinamerikanischer Literatur, allen voran durch ihre Übersetzungen von Jorge Luis Borges. Ihre Werke sind geprägt von Flucht und Exil. Obwohl sie viele Jahre im Ausland lebte, blieb ihre Herkunft im Saarpfalz-Kreis ein wichtiger Bezugspunkt in ihrem Leben und Werk.
Kindheit und frühe Emigration
Edith Aron wurde am 04. September 1923 in Homburg/Saar(gebiet) geboren und wuchs dort in einer jüdischen Familie auf. Sie war die Tochter des Kaufmanns Sigmund Aron (1883-1958) und seiner Frau Elisabeth („Else“), geborene Wolf (1894-1966).
Ihre Kindheit verbrachte sie in Homburg. Die Familie wohnte in einem schönen, großen Haus in der grünen Vorstadt. Edith Aron besuchte die jüdische Schule in Homburg. Ihr Lehrer Ludwig Samuel war gleichzeitig der Vorbeter der jüdischen Gemeinde.
1934 trennten sich ihre Eltern. Noch vor der Saarabstimmung 1935 emigrierte Edith Aron im Alter von elf Jahren mit ihrer Mutter nach Buenos Aires in Argentinien. Die Emigration erfolgte aus persönlichen Gründen der Mutter, die neu beginnen wollte, und nicht primär wegen Hitlers Machtergreifung. Ihr Vater blieb zunächst in Homburg und floh später nach Südfrankreich in die Nähe von Valence, wo er den Holocaust überlebte.
Zeit in Buenos Aires
In Buenos Aires besuchte Aron die Pestalozzi-Schule, die ihr half ihre Muttersprache zu bewahren, und die gegen Nazi-Deutschland eingestellt war. Sie verbrachte eine spannende Jugend in der „europäischsten Stadt Lateinamerikas“, lernte Tango tanzen und arbeitete als Bürokraft. Später arbeitete sie im Instituto Cultural Argentino Norteamericano (ICANA) in der Musikabteilung, wo sie sich in Musik weiterbildete.
Rückkehr nach Europa und Pariser Jahre
1950 kehrte Edith Aron nach Europa zurück. Im Hafen von Nizza traf sie den argentinischen Schriftsteller Julio Cortázar zum ersten Mal. Zunächst besuchte sie ihren Vater in Sarreguemines (Lothringen) und ließ sich dann in Paris nieder. In Paris bildete sie sich weiter, besuchte die Sorbonne, ging jeden Tag in den Louvre und nutzte die Stadt als kulturelles Zentrum.
Pionierin der lateinamerikanischen Literatur und Muse
In Paris begann Edith Aron ihre Arbeit als Übersetzerin. Sie gilt als die erste, die zeitgenössische lateinamerikanische Literatur erfolgreich ins Deutsche übersetzte. Zu den von ihr übersetzten Autoren gehören Julio Cortázar, Jorge Luis Borges und Octavio Paz.
Ihre Übersetzungsarbeit begann sie mit Texten von Cortázar, um ihren deutschen Freunden zu ermöglichen, die Werke ihrer argentinischen Freunde zu lesen. Die Übersetzerin Ré Soupault machte ihr Mut und unterstützte sie.
Edith Aron war die Muse und Inspiration für die Figur der La Maga in Cortázars berühmtem Roman Rayuela (Hickelkasten). Cortázar selbst nannte ihre Beziehung eine „starke Freundschaft“. Die Tatsache, dass sie die Inspiration für La Maga war, wurde erst 2003 bekannt.

Netzwerke und persönliches Leben
In Paris pflegte Aron enge Kontakte zur Literaturszene. Sie lernte Paul Celan kennen, mit dem sie über ihren gemeinsamen sprachlichen und kulturellen Hintergrund verbunden war, und dessen Frau Gisèle Celan-Lestrange, mit der sie bis zu Gisèles Tod 1991 befreundet blieb. Celan nannte Aron wegen ihres großen Netzwerks „le petit centre“. Aron und Celan tauschten sich aus, und Aron übersetzte Celans Gedicht Die Todesfuge ins Spanische.
Ende der 1950er Jahre zog Aron für drei Jahre nach Berlin, wo sie unter anderem Günter Grass, Heinrich Böll und Hans Magnus Enzensberger kennenlernte. Sie arbeitete dort für den Hessischen Rundfunk über lateinamerikanische Literatur.
1960 reiste sie nach Buenos Aires, um ihre Mutter zu pflegen. Im selben Jahr heiratete sie den britischen Illustrator John Bergin (1930-1996), den sie Ende der Fünfziger kennengelernt hatte. 1968 wurde ihre Tochter Joanna geboren.
Bruch in der Übersetzertätigkeit
1966, im Jahr des Todes ihrer Mutter, erlitt Aron einen schweren Rückschlag in ihrer Karriere: Cortázar entzog ihr die Übersetzungsrechte für seine Erzählungen. Dies war eines der schlimmsten Dinge, die ihr je passierten, und führte zu einem abrupten Ende ihrer Übersetzerlaufbahn und zum Zerfall der Freundschaft zu Cortázar. Zuvor hatte der Luchterhand Verlag Übersetzungsverträge mit ihr gekündigt, nachdem ein neuer Lektor, Wolfgang Promies, ihre Manuskriptübersetzung von Cortázars Roman Los Premios aufgrund angeblicher Sprachmängel im Deutschen negativ beurteilt hatte.
Leben in London und schriftstellerisches Werk
1969 verließ Edith Aron Argentinien endgültig und zog mit ihrer Familie nach London. Sie arbeitete dort als Deutschlehrerin am Goethe-Institut und später 15 Jahre lang am Imperial College.
In London widmete sie sich verstärkt dem Schreiben autobiografisch geprägter Erzählungen. Deutsch diente ihr als „innere Heimat“ und zur Bewältigung ihrer Erlebnisse.
Wichtige Werke (Auswahl):
• Die Zeit in den Koffern – Erzählungen (1989)
• Die falschen Häuser. Erzählungen (1999)
Ihre Erzählungen spiegeln ihre Erfahrungen aus der Kindheit in Homburg, der Emigration und den verschiedenen (Post-)Exilstationen wider. Die titelgebende Geschichte Die falschen Häuser beschreibt die Erkenntnis, dass es kein Zuhause gab, außer dem der Erinnerung und dem jeweiligen DORT, wo sie sich zum Leben eingerichtet hatte.

Späte Anerkennung und Tod
2003 besuchte Edith Aron letztmals ihre Geburtsstadt Homburg und nahm als Ehrengast an der Einweihung der neugestalteten Ruine der Synagoge teil.
Die Stadt Homburg stiftete ihr zu Ehren den „Edith-Aron-Schulpreis“ (2011-2013) für Projekte zu Migration und Integration. Edith Aron bat jedoch darum, den Preis nicht weiter zu verleihen, da sie nicht als jüdische Emigrantin erinnert, sondern für ihre eigene literarische Arbeit gewürdigt werden wollte.
Boris Penth, der frühere Leiter des Saarbrücker Max-Ophüls-Festivals, drehte 2015 einen Dokumentarfilm über Aron: „Das Papier sagt nichts, hört zu“. Aaron erzählt darin von ihrer Zeit in der jüdischen Schule in Homburg und von der Machtergreifung der Nazis, die sie als Zehnjährige miterlebte.
Edith Aron starb am 25. Mai 2020 im Alter von 96 Jahren in London. Ihr Heimatverständnis fasste sie einmal zusammen: „Meine Heimat ist in der Literatur, bei Joseph Roth, in der deutschen Sprache“.
Verfasst von: Olivia Zitzmann, Bachelor-Studentin an der Universität des Saarlandes
Veröffentlicht: 09.02.2026; Zuletzt aktualisiert: 30.03.2026.
Zitate
Meine Heimat ist in der Literatur, bei Joseph Roth, in der deutschen Sprache.“
Edith Aron zitiert nach Schmuck, Lydia: Übersetzung, Autobiografie und Fiktion im Kontext von Exil, in: Stefanie Kremmel, Julia Richter, Larisa Schippel (Hg.): Translation und Exil (1933-1945) III, Berlin 2024, S. 365.
Wenn einer der Sätze, die Edith Aron im Film sagt, ihr Wesen am treffendsten charakterisiert, ist es wohl dieser: ,Ich war immer wissbegierig.’“
Porträt über Edith Aron am Sonntag im SR. „Ein eigenartiges Elternhaus – ich hatte keinen richtigen Halt“, in: Saarbrücker Zeitung, 18.06.2020
Zum Weiterlesen / Literatur / Quellen
Marmit, Jochen: Die Sprache in den Koffern. Das bewegte Leben der Edith Aron, in: Saarbrücker Hefte. Die saarländische Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, H. 110/111, Saarbrücken 2014, S. 109-114.
Schmuck, Lydia: Übersetzung, Autobiografie und Fiktion im Kontext von Exil - Edith Aron (1923-2020), in: Stefanie Kremmel, Julia Richter, Larisa Schippel (Hg.): Translation und Exil (1933-1945) III. Motive, Funktionen und Wirkungen, Berlin 2024, S. 365-387.
Aron, Edith: Edith Aron: Auf Wegen und Pfaden. Ein Lesebuch, hg. von Ralph Schock, St. Ingbert 2023.


