Digitale Illustration eines Frauenportraits
© Helen Tepper

Nina Stantschenkowa

 25. Februar 1926 in Smolensk, Russland

  Nach 1997 in Smolensk, Russland

Über Nina Stantschenkowa

Zwangsarbeiterin auf der Alten Schmelz St. Ingbert

Im Rahmen unseres Projektes „Frauenspuren im Saarpfalz-Kreis“ wollen wir auch die Biografien von Frauen berücksichtigen, die nicht direkt in der Region des heutigen Saarpfalz-Kreises beheimatet waren. In diesem Beitrag geht es um das Schicksal einer jungen Frau, die nach St. Ingbert verschleppt wurde, um auf dem Eisen- und Stahlwerk Zwangsarbeit zu verrichten.

Deportation und Zwangsarbeit

Am 25. Februar 1926 wurde Nina Stantschenkowa in Smolensk im Westen Russlands an der Grenze zu Belarus geboren. Ihre Heimatstadt war immer wieder Zankapfel zwischen den Mächten Weißrussland, Litauen und Polen. Im Zweiten Weltkrieg war Smolensk wieder hart umkämpft von der Roten Armee und der Wehrmacht und kam 1941 unter deutsche Besatzung. Tausende Menschen wurden getötet oder nach Deutschland deportiert, darunter Nina Stantschenkowa, die erst 17 Jahre alt war und gerade ihre Ausbildung zur Lehrerin abgeschlossen hatte. Am 14. Juli 1943 erreichte sie nach einer langen Fahrt, eingepfercht mit vielen anderen jungen Frauen in einem Viehwaggon, das St. Ingberter Eisenwerk. Dort erhielt sie zunächst ihre Arbeitskarte und wurde als Kerntrocknerin in die Gießerei abkommandiert, wo im Zweiten Weltkrieg Granaten gegossen und auch anderes Kriegsmaterial hergestellt wurde.[1]

Schwarz-Weiß Foto von Baracken auf einem Industriegelände
© Stadtarchiv St. Ingbert
Fremdarbeiterlager Alte Schmelz, undatiert.

Im Archiv des Drahtwerks fanden sich Ende der 1980er Jahre sogar noch ihre Lohnstreifen, die darüber Auskunft gaben, dass sie etwa 80 Reichsmark im Monat „verdient“ hat.[2] Hierbei muss berücksichtigt werden, dass den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in der Regel utopisch hohe Summen für Kost und Logis abgezogen wurden, so dass von dem sowieso kargen Lohn kaum mehr etwas übrig blieb. Untergebracht wurden die russischen Zivildeportierten in eigens für sie errichteten Baracken auf dem Werksgelände, wo die Frauen in großen Räumen in Stockbetten schliefen. Im Keller der nahe gelegenen Elektrischen Zentrale wurden Duschgelegenheiten für sie eingerichtet. Eher schlecht als recht verköstigt wurden sie in der so genannten Russenküche im Bereich des heutigen Drahtwerkes, deren Wände und Decken die russischen Zivildeportierten mit freskenartigen Darstellungen aus ihrer Heimat verschönert hatten.

Knapp ein Dreivierteljahr später wurde Nina Stantschenkowa aufgrund ihres schlechten Gesundheitszustandes dem St. Ingberter Metzgermeister Munzinger als Haushaltshilfe zugeteilt, der sie „aufpäppeln“ sollte. Seite an Seite mit deutschen und ausländischen Arbeitskräften arbeitete sie in der hauseigenen Landwirtschaft. Gemeinsam bestellte man die Felder und nahm zusammen die Mahlzeiten ein, wodurch auch freundschaftliche Beziehungen entstanden. Diese relativ schöne Zeit fand am 19. Januar 1945 ein jähes Ende: Nina Stantschenkowa wurde denunziert, da ein Außenstehender beobachtet hatte, wie sie einer schwangeren Russin ein Stückchen Dürrfleisch zusteckte, was damals als schweres Vergehen angesehen wurde. Zur Strafe wurde sie wieder auf das Eisenwerk geschickt, wo sie in der Gießerei Schwerstarbeit verrichten musste. [3] Eine Kollegin aus der Metzgerei Munzinger, mit der sie sich während ihrer Zeit dort angefreundet hatte, kam des Öfteren am Lager auf der Alten Schmelz vorbei, um ihr hin und wieder heimlich ein Stückchen Fleisch durch den Draht zuzustecken. Die Verpflegung der ZwangsarbeiterInnen war äußerst kärglich, Hunger war ihr täglicher Begleiter. Daher hatte manch einer Mitleid mit den ausgemergelten Gestalten, doch persönliche Kontakte von Deutschen zu den „Fremdarbeitern“ waren strengstens untersagt, und man durfte sich keinesfalls erwischen lassen.

Im Verlauf des Krieges kam es bei den schlechten Lebensbedingungen der sowjetischen Zwangsarbeiter zu mehreren Ausbruchsversuchen, so auch am 9. November 1942 auf der „Schmelz“. Was mit den 12 Menschen geschah, die an diesem Tag aus dem Eisenwerk entflohen, ist unbekannt.[4] Aufgrund der allgegenwärtigen Überwachung ist vorstellbar, dass viele Zwangsarbeiter aufgegriffen und schwer bestraft oder auf der Flucht erschossen wurden. Andere starben an Unterernährung, im Bombenhagel oder an Infektionskrankheiten. Die 27 Gräber russischer ZwangsarbeiterInnen auf dem St. Ingberter Friedhof, darunter 4 Gräber von Frauen, geben nur einen kleinen Eindruck vom Leiden dieser Menschen.[5]

Rückkehr in die Heimat

Nina Stantschenkowa hatte jedoch überlebt und kehrte im März 1945 nach Ankunft der Amerikaner in St. Ingbert in ihre russische Heimat zurück. Durch einen Zufall erhielten wir Informationen über ihren weiteren Lebensweg:  1987 las sie in Zeiten von Glasnost und Perestroika einen Zeitungsartikel über die Städtepartnerschaft zwischen Saarbrücken und Tiflis und erinnerte sich an ihren Aufenthalt in St. Ingbert. Spontan schrieb sie einen Leserbrief an die Moskauer Zeitung, in der sie darüber berichtete, dass es in ihrer schweren Zeit als Zwangsarbeiterin auch Menschen gab, die ihr in der Not geholfen haben. Daraufhin begab sich der Bonner Korrespondent der russischen Zeitung nach St. Ingbert, um vor Ort die Hintergründe dieser interessanten Geschichte zu recherchieren. Dabei ist die Idee entstanden, Nina Stantschenkowa zum bevorstehenden Stadtfest einzuladen.

Schwarz-Weiß-Foto von zwei Männern und einer Frau vor einem Mikrofon.
© Stadtarchiv St. Ingbert
Nina Stantschenkowa bei der Eröffnung des Ingobertusfests im Jahr 1988, gemeinsam mit Oberbürgermeister Winfried Brandenburg und dem Bürgermeister der Partnerstadt Saint-Herblain, Jean-Marc Ayrault.

Besuch in Deutschland

Im Rahmen der 1100-Jahr-Feier kam sie für elf Tage zu Besuch nach St. Ingbert, wo sie nicht nur von Bürgermeister Winfried Brandenburg, sondern auch vom damaligen saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine empfangen wurde.  Das Geld für die Bahnfahrt und den Aufenthalt wurde aus privaten Spenden zusammengebracht – insbesondere durch den Niederwürzbacher Unternehmer Wilfried Post -, das Programm hatte der Heimat- und Verkehrsverein zusammengestellt. Diese Aktion war damals einmalig in der Bundesrepublik und löste einen enormen Presserummel aus, selbst das ZDF schickte ein Fernsehteam.

Schwarz-Weiß-Foto mit Nina Statschenkowa links im Bild. Im Hintergrund sind Drahtrollen zu sehen.
© Stadtarchiv St. Ingbert
Nina Statschenkowa 1988 zu Besuch auf der Alten Schmelz.

Das unverhoffte Wiedersehen nach Jahrzehnten bot Gelegenheit, alte Freundschaften zu erneuern, z.B. zu den ehemaligen Kolleginnen der Metzgerei Munzinger. Ihnen erzählte Nina Stantschenkowa, dass ihre Leidenszeit mit der Rückkehr in die Heimat keinesfalls beendet war. Schon der Rücktransport geschah unter schwierigen Bedingungen und zog sich ganze sieben Monate hin, wobei einige ihrer Reisegefährten diese Strapazen nicht überlebten. In Smolensk hingegen erwartete die Rückdeportierten kein herzlicher Empfang, sondern Misstrauen und oftmals das Straflager, denn in Stalins Reich standen sie im Verdacht, Agenten im Auftrag Deutschlands zu sein. Lange Zeit durfte Nina Stantschenkowa ihren angestammten Beruf als Lehrerin nicht ausüben, sondern musste in einem Stukkateurbetrieb arbeiten, wo der tägliche Kontakt mit Gips ihr gesundheitliche Probleme an Augen und den inneren Organen bescherte, die sie ihr Leben lang belasteten. Zehn Jahre nach ihrem Besuch im Saarland erreichte ein Hilferuf ihrer St. Ingberter Freunde die Saarbrücker Zeitung.[6] Nina Stantschenkowa war mittlerweile ernstlich erkrankt und brauchte dringend finanzielle Unterstützung und Medikamente. Ob die Aktion erfolgreich war, ist leider nicht dokumentiert. Jedenfalls erlag sie einige Jahre später in Smolensk ihrem Nierenleiden.

1999 wurde bundesweit über die Entschädigung von ehemaligen „Zivildeportierten“ diskutiert.  Dabei wurde die Erinnerung an die Sowjetbürgerin Nina Stantschenkowa und ihren spektakulären Besuch in St. Ingbert ein letztes Mal wach.[7]


Verfasst von: Dr. Susanne Nimmesgern, Historikerin und Frauenbeauftragte des Saarpfalz-Kreises

Veröffentlicht: 26.10.2026; Zuletzt aktualisiert: 26.10.2026.

Fußnoten

[1] Artikel in der SZ vom 27.6.1988: Zum Abschied aufs Ingobertusfest.

[2] SZ vom 22.6.1988: Wiedersehen nach 43 Jahren.

[3] Vgl. SZ, Ausgabe St. Ingbert vom 29.12.1999 und ebd., 30.12.1999.

[4] Hermann Volk: Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu den Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933-1945, Bd 4 Saarland, Köln 1989, S. 155.

[5] Feind schuftet mit. Die Ausbeutung der Zwangsarbeiter, in: Verdrängte Geschichte - Nazi-Herrschaft, Verfolgung, Widerstand: Ein Wegweiser durch den Saarpfalz-Kreis, hrsg. vom Saarpfalz-Kreis, 1995/2000.

[6] SZ vom 03.08.1999.

[7]s. Berichterstattung in der SZ vom 30.12.1999.

Zum Weiterlesen / Literatur / Quellen

Nimmesgern, Susanne: Die Schmelzerinnen. Unternehmerinnen, Hüttenfrauen, Zwangsarbeiterinnen auf dem St. Ingberter Eisenwerk, hrsg. von der Initiative Alte Schmelz St. Ingbert e.V., St. Ingbert 2012.

Dies.: Nina Stantschenkowa aus Smolensk (* 1926): Zwangsarbeiterin auf der Alten Schmelz, in: St. Ingberter Biografien 2, hrsg. von Heidemarie Ertle und Gerhard Sauder, St. Ingbert 2025, S. 211-218.

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