Digitale Portrait-Zeichnung einer Frau

Merowingerin aus Altheim

 /  um 600 n. Chr. in der Region des heutigen Blieskastels


Über eine Merowingerin aus Altheim

Das Gräberfeld als Einblick in die Frauengeschichte der Vormoderne im Saarpfalz-Kreis

Die Biographien der Frauen, die das Gebiet des heutigen Saarpfalz-Kreises in der Zeit um 600 n. Chr. bewohnten, lassen sich nicht mehr im Detail rekonstruieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir keinen Zugriff auf ihre Lebenswirklichkeit hätten. Einen wichtigen Beitrag hierzu leistet in der Archäologie die Erforschung von Grabausstattungen. Die Tradition der Beisetzung Verstorbener mit Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs in sogenannten Reihengräberfeldern etablierte sich an der Saar mit Beginn der fränkischen Herrschaft.[1] Dabei waren die Grabbeilagen individuell und umfassten sowohl Waffen als auch kultische Objekte.[2] Im Falle von Frauengräbern können insbesondere Kleidung und Schmuckstücke Auskunft über soziale Stellung, aber auch persönliche Vorlieben und Gepflogenheiten der Beigesetzten erteilen.[3]

Das größte bekannte frühmittelalterliche Gräberfeld dieser Art im Saarland befindet sich im Ortsteil Altheim der Stadt Blieskastel.[4] Nach dem Fund der archäologischen Stätte im Zuge von Bauarbeiten Mitte der 1970er Jahre konnten insgesamt 115 Bestattungen freigelegt werden, von denen die ältesten bis ins letzte Viertel des sechsten Jahrhunderts zurückreichen.[5] Bereits die Bestimmung des biologischen Geschlechts stellt eine Herausforderung dar. Lediglich bei 50 Gräbern lassen sich hierüber gesicherte Angaben treffen.[6]

Farbfoto einer goldenen Scheibenfibel mit Edelstein-Einsätzen.
Goldscheibenfibel aus Grab 44 in Altheim (Merkel 2004, S. 123, Abb. 51).

Ein reiches Grab an einem heiligen Ort

Unter den Frauenbestattungen in Altheim nimmt das Grab mit der Nummer 44 eine besondere Stellung ein. Seine Inhaberin wurde hier im ersten Viertel des siebten Jahrhunderts im Alter von etwa 20 bis 30 Jahren beigesetzt.[7] Damit erreichte sie das durchschnittliche Alter der in Altheim ruhenden Frauen.[8] Bemerkenswert ist die ausgesprochen reiche Ausstattung des Grabes, die von einem gehobenen sozialen Status der Bestatteten zeugt.[9] Schräg über ihrer Brust lag eine bronzene, mit Ornamenten gespickte Nadel an, die vermutlich am Gewand angebracht war.[10]

Farbfoto einer Vitrine u.a. mit Kette, Fibel, Schere und Keramik.
Vitrine mit dem Grabinventar aus Grab 44 aus Altheim in der Sonderausstellung "Was bleibt? Die Zeit der Merowinger" im Museum für Vor- und Frühgeschichte, Saarbrücken.

Außerdem trug sie zwei Ohrringe aus Silber, deren würfelförmige Enden ebenfalls verziert waren.[11] Die Kette um ihren Hals setzte sich aus bunten Glas- und Goldperlen sowie blauvioletten Edelsteinen zusammen.[12] Zudem war die Grabinhaberin im Besitz einer Goldscheibenfibel in deren Zentrum eine roter Juwel (Alamandin) eingesetzt ist.[13] Diese Art der Fibel, die allgemein zum Verschluss eines Gewandes diente, konnte sich nur die wohlhabende Oberschicht der frühmittelalterlichen Gesellschaft leisten.[14] Einen weiteren Ausweis ihrer gesellschaftlichen Stellung bildet die Verortung der Grabstätte innerhalb einer Holzkirche.[15] Die Beisetzung in Sakralbauten ist oft ein Indikator für die Zugehörigkeit der Bestatteten zu einer privilegierten Schicht.[16] Möglicherweise hat die Grabinhaberin den Bau als Eigenkirche gestiftet und sich dort bestatten lassen.[17]

Weibliches Leben und Lebenswege im frühmittelalterlichen Europa

Wie sah die Welt des späten sechsten Jahrhunderts aus, in welche die Frau aus Altheim hineingeboren wurde? Nachdem das Land an der Saar bis Ende des fünften Jahrhunderts römische Provinz geblieben war, integrierte der fränkische König Chlodwig I. das Gebiet in den Herrschaftsbereich der Merowinger.[18] Im Volksrecht der Merowinger, der sogenannten „Lex Salica“, war sie als Frau in einigen Punkten benachteiligt.[19] So unterstand sie vermutlich einem männlichen Munt, bei dem es sich entweder um die Person des Vaters, des Vormunds oder des Ehemannes handeln konnte.[20] Daneben unterlag sie weiteren juristischen Nachteilen. Zum einen waren nur die männlichen Angehörigen einer Familie erbberechtigt, sodass sie von der Erbfolge ausgeschlossen wurde.[21] Zum anderen war sie auch in Eherechtlichen Angelegenheiten benachteiligt, indem ihr im Falle des Ehebruchs etwa die Todesstrafe drohte, während Männer für dasselbe Vergehen oftmals nicht oder nur bedingt zur Rechenschaft gezogen worden sind.[22] Dazu kommt, dass sie im Allgemeinen von der Ausübung öffentlicher Funktionen in der Verwaltung ausgeschlossen war.[23]

Entgegen diesen Rechtsnormen besaßen Frauen in der Realität allerdings durchaus Handlungsspielräume, insbesondere wenn sie, wie die Grabinhaberin, der Oberschicht der fränkischen Gesellschaft angehörten.[24] Beispielsweise konnten sie unabhängig von der ehelichen Mitgift über Besitz verfügen.[25] Außerdem sind viele Fälle überliefert, in denen freie Frauen als Erben und Grundbesitzerinnen fungierten[26] oder durch die Ausstellung von Urkunden aktiv an Rechtsgeschäften mitwirkten.[27]

Farbfoto zweier Ausstellungsvitrinen, u.a. mit Schwert und Lanzenspitze links und Goldschmuck rechts.
Grabinventar von Grab 1 (links) und Grab 44 (rechts) aus Altheim. Gut zu erkennen sind die Unterschiede in der Ausstattung des Männergrabes (links) zum Frauengrab.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit war die Grabinhaberin zu Lebzeiten bereits verheiratet, da die Eheschließung im merowingischen Frankenreich für Frauen in der Regel im Alter zwischen 15 und 18 Jahren erfolgte.[28] Über die Ehe selbst besaß sie keine Entscheidungsgewalt. Dieser Schritt oblag den Brauteltern, beziehungsweise dem väterlichen Munt.[29] Dennoch war die frühmittelalterliche Frau innerhalb des Eheverbundes in einem gewissen Rahmen dazu in der Lage, autonom zu agieren. In ihrer Rolle als Hausherrin war sie nicht etwa nur für die Essenszubereitung oder den Putz verantwortlich, sondern für die Verwaltung des gesamten Hauses und Besitzes, womit Handlungsoptionen einhergingen.[30] Darüber hinaus gab es für Frauen aus dem „Adel“ grundsätzlich die Möglichkeit, Einfluss auf politische Belange zu nehmen.[31]

Alternativ zur Ehe stand den weiblichen Angehörigen der merowingischen Oberschicht der Eintritt in ein Kloster offen.[32] Im monastischen Raum war sogar der Aufstieg zum Rang einer Äbtissin, der Vorsteherin des Klosters, denkbar. In dieser Position verfügten Frauen über die Macht, kirchliche Angelegenheiten mitzugestalten, sodass sie den Prozess der Christianisierung des frühmittelalterlichen Europas maßgeblich prägten.[33]

Welchen Lebensweg die in Altheim beigesetzte Frau beschritt bleibt letztendlich offen. Doch erlaubt ihre außergewöhnliche Grabausstattung zumindest einen Eindruck davon, welche Bedeutung und welchen sozialen Rang sie zu Lebzeiten innehatte.


Verfasst von: Aaron Henz, B.A. Historisch orientierte Kulturwissenschaften

Veröffentlicht: 09.02.2026; Zuletzt aktualisiert: 31.03.2026.

Fußnoten

[1] Weidemann, Konrad: Die Merowingerzeit im Saarland, in: Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz (Hrsg.): Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern, Bd. 5, Saarland. mit einer Einführung in die Vor- und Frühgeschichte des Saarlandes, Mainz 1966, S. 72.

[2] Sasse, Barbara: Frauengräber im frühmittelalterlichen Alamannien, in: Affeldt, Werner (Hrsg.): Frauen in Spätantike und Frühmittelalter. Lebensbedingungen – Lebensnormen – Lebensformen, Sigmaringen 1990, S. 45.

[3] Müller, Hermann F..: Das alamannische Gräberfeld von Hemmingen (Kreis Ludwigsburg), Stuttgart 1976, S. 135 f.; zitiert in: Martin, Max: Bemerkungen zu Ausstattung der Frauengräber und zur Interpretation der Doppelgräber im frühen Mittelalter, in: Affeldt, Werner (Hrsg.): Frauen in Spätantike und Frühmittelalter. Lebensbedingungen – Lebensnormen – Lebensformen, Sigmaringen 1990, S. 89.

[4] Merkel, Michael: Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Altheim, Stadt Blieskastel, Saar-Pfalz-Kreis, Homburg 2004, S. 6.

[5] Ebd., S. 21; S. 135.

[6] Ebd., S. 31.

[7] Ebd., S. 136; S. 227.

[8] Ebd., S. 31.

[9] Ebd., S. 136.

[10] Ebd., S. 113 f.

[11] Ebd., S. 115 f.

[12] Ebd., S. 227 ff.

[13] Ebd., S. 123.

[14] Ebd., S. 121.

[15] Ebd., S. 143.

[16] Werner, Joachim (Hrsg.): Die Ausgrabungen in St. Ulrich und Afra in Augsburg, München 1977, S. 219; zitiert in: Steuer, Heiko: Frühgeschichtliche Sozialstrukturen in Mitteleuropa, Göttingen 1982, S. 361.

[17] Merkel, Michael: Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Altheim, S. 143.

[18] Weidemann, Konrad: Die Merowingerzeit im Saarland, S. 72.

[19] Vgl. Hartmann, Martina, Die Merowinger, 2. Aufl., München 2021, S. 71 ff.; vgl. auch Goetz, Hans-Werner: Frauenbild und weibliche Lebensgestaltung im Fränkischen Reich, in: ders. (Hrsg.): Weibliche Lebensgestaltung im frühen Mittelalter, Köln 1991, S. 8 ff.

[20] Ebd., S. 9.

[21] Hartmann, Die Merowinger, S. 72.

[22] Ebd.

[23] Goetz, Frauenbild und weibliche Lebensgestaltung, S. 9.

[24] Ebd., S. 21 ff.

[25] Ebd., S. 10.

[26] Ebd.

[27] Heidrich, Ingrid: Besitz und Besitzverfügung freier Frauen, in: Goetz, Hans Werner (Hrsg.): Weibliche Lebensgestaltung im frühen Mittelalter, Köln 1991, S. 133 f.

[28] Hartmann, Die Merowinger, S. 72.

[29] Ebd.

[30] Goetz, Frauenbild und weibliche Lebensgestaltung, S. 21 f.

[31] Ebd., S. 22 ff.

[32] Ebd., S. 14.

[33] Ebd. S. 22; S. 29.

Zum Weiterlesen / Literatur / Quellen

Goetz, Hans-Werner: Frauenbild und weibliche Lebensgestaltung im Fränkischen Reich, in: ders. (Hrsg.): Weibliche Lebensgestaltung im frühen Mittelalter, Köln 1991, S. 7-44.

Hartmann, Martina: Die Merowinger, 2. Aufl., München 2021.

Heidrich, Ingrid: Besitz und Besitzverfügung freier Frauen, in: Goetz, Hans-Werner (Hrsg.): Weibliche Lebensgestaltung im frühen Mittelalter, Köln 1991, S. 119-138.

Martin, Max: Bemerkungen zu Ausstattung der Frauengräber und zur Interpretation der Doppelgräber im frühen Mittelalter, in: Affeldt, Werner (Hrsg.): Frauen in Spätantike und Frühmittelalter. Lebensbedingungen – Lebensnormen – Lebensformen. Beiträge zu einer internationalen Tagung am Fachbereich Geschichtswissenschaften der FREIEN UNIVERSITÄT BERLIN. 18. Bis 21. Februar 1987, Sigmaringen 1990, S. 89-104.

Merkel, Michael: Das frühmittelalterliche Gräberfeld von Altheim, Stadt Blieskastel, Saar-Pfalz-Kreis, Diss., Homburg 2004, online abrufbar unter: https://macau.uni-kiel.de/receive/diss_mods_00001047 (23.11.2025).

Müller, Hermann Friedrich: Das alamannische Gräberfeld von Hemmingen (Kreis Ludwigsburg). (Forschungen und Berichte zur Vor- und Frühgeschichte in Baden-Württemberg, Bd. 7) Stuttgart 1976.

Weidemann, Konrad: Die Merowingerzeit im Saarland, in: Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz (Hrsg.): Führer zu vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern, Bd. 5, Saarland. mit einer Einführung in die Vor- und Frühgeschichte des Saarlandes, Mainz 1966.

Werner, Joachim (Hrsg.): Die Ausgrabungen in St. Ulrich und Afra in Augsburg, München 1977.

Sasse, Barbara: Frauengräber im frühmittelalterlichen Alamannien, in: Affeldt, Werner (Hrsg.): Frauen in Spätantike und Frühmittelalter. Lebensbedingungen – Lebensnormen – Lebensformen. Beiträge zu einer internationalen Tagung am Fachbereich Geschichtswissenschaften der FREIEN UNIVERSITÄT BERLIN. 18. Bis 21. Februar 1987, Sigmaringen 1990, S. 45-64.

Steuer, Heiko: Frühgeschichtliche Sozialstrukturen in Mitteleuropa. Zur Analyse der Auswertungsmethoden des archäologischen Quellenmaterials (Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Philologisch-Historische Klasse, Folge 3 Nr. 128) Göttingen 1982.

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