Meier, Änne

Änne Meier
03.01.1896 in Baltersweiler
20.07.1989 in Baltersweiler
Über Änne Meier
NS-Widerständlerin, Fürsorgerin
Frühes Leben, beruflicher Werdegang und soziales Engagement

Änne Meier wurde am 03. Januar 1896 in Baltersweiler als fünftes von sieben Kindern in eine politisch engagierte, katholische Familie von Landwirten und Handwerkern geboren. Sie erhielt eine für damalige Verhältnisse ungewöhnlich umfassende Ausbildung. Ihre Eltern förderten ihren Bildungsweg und ermöglichten ihr als vermutlich erstem Mädchen ihres Dorfes den Besuch der „Höheren Mädchenschule“ in St. Wendel sowie des Königlichen Lehrerinnenseminars in Saarburg.[1] Der Beruf der Lehrerin zwang Änne, auf Ehe und Kinder zu verzichten, da damals eine Heirat das Berufsende bedeutete.
Zunächst arbeitete sie als Aushilfslehrerin in Brücken bei Birkenfeld, verlor diesen Job jedoch bald aufgrund der aus dem Krieg zurückgekehrten Lehrer, woraufhin sich Meier der Sozialpädagogik zuwandte.[2] Sie begann nach dem Ersten Weltkrieg ein Studium an der katholischen sozialen Frauenschule in Heidelberg, wo sie erstmals in Kontakt mit katholischen Jugendverbänden sowie Persönlichkeiten der liturgischen Erneuerungsbewegung kam. Durch diese Kontakte fing sie an, die Amtskirche als unantastbare Institution infrage zu stellen, ihre Haltung zum katholischen Glauben hatte jedoch Bestand.
Nach dem Abschluss ihres Studiums war Änne ab 1921 beim Kreiswohlfahrtsamt Homburg als eine der ersten Fürsorgerinnen des Saargebiets tätig. 1925 wechselte sie zum Kreiswohlfahrtsamt St. Ingbert, dessen Aufbau sie maßgeblich mitgestaltete. In ihrem Beruf kümmerte sie sich beispielsweise um Familien in finanziellen Notsituationen, Kranke oder Menschen mit Behinderung. Darüber hinaus engagierte sie sich auch ehrenamtlich in der Jugendarbeit, insbesondere bei den Pfadfinderinnen. So wurde Änne Meier in den frühen 30er Jahren Gaufeldmeisterin mehrerer Pfadfinderinnengruppen im Saargebiet und in Baden. Sie war fortschrittlich, machte den Führerschein und besaß ein eigenes Auto für ihre Hausbesuche und die Betreuung der Pfadfinderinnen, was für Frauen damals eine Seltenheit war.[3]

Widerstand gegen das NS-Regime und Haftzeit
Aufgrund ihrer religiösen Prägung und Erziehung erkannte Änne Meier früh die Gefahren, die vom Nationalsozialismus ausgingen. Die Lektüre von Hitlers „Mein Kampf“ bestärkte sie in ihrer ablehnenden Haltung. Sie informierte sich ab 1934 mittels der unabhängigen Zeitung „Neue Saarpost“[4] über die Zustände im Reich, da die übrigen saarländischen Zeitungen zu diesem Zeitpunkt schon gleichgeschaltet waren.
Während der Saarabstimmung 1935 sprach sie sich für den Status Quo aus und stellte sich damit gegen die Position der Amtskirche, die sich offen für eine Rückgliederung einsetzte. Sie bereute ihre Entscheidung nie.[5] Sowohl im Berufs- als auch im alltäglichen Leben leistete Änne Meier Widerstand. Sie verweigerte den Hitlergruß und den Eintritt in NS-Verbände[6], was zu erheblichen Schwierigkeiten führte: Ihr Beamtenstatus wurde aberkannt und sie wurde bei Beförderungen nicht mehr berücksichtigt.[7]
1933 wurde das sogenannte „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ beschlossen, das zu Zwangssterilisation bei Menschen mit beispielsweise psychischen Krankheiten, erblicher Blindheit oder Taubheit führen sollte.[8] Änne Meier hielt aus Gewissensgründen erbbiologische Unterlagen zu Tuberkulosefällen aus ihrem Bezirk zurück, zu denen sie ab 1930[9] in ihrer Freizeit Nachforschungen betrieben hat, und verweigerte 1936 trotz Aufforderung ihrer Vorgesetzten die Herausgabe dieser.[10] Trotz zunehmender Ahndungen und Verbote gelang es Änne Meier, ihre Jugendgruppen im Geheimen fortzuführen[11] und verbotene Schriften religiösen und zeitgeschichtlichen Inhalts zu verbreiten, darunter die sogenannten „Galenbriefe“, in denen sich Bischof von Galen gegen die ‚Euthanasie‘ an Menschen mit psychischen oder unheilbaren Krankheiten stark gemacht hat.[12]
Am 21. Januar 1942 wurde sie für die Vervielfältigung und Weitergabe dieser Schriften von der Gestapo verhaftet und nach zehn Wochen Einzelhaft im Lerchesflur ohne Prozess und Verurteilung – einzig und allein aufgrund des Verdachts, sich „konspirativ betätigt“[13] zu haben – im April 1942 ins Frauen-KZ Ravensbrück nach Mecklenburg gebracht.[14] Dort hat sie nach einer vierwöchigen Quarantäne allerlei Arten von Arbeiten verrichtet: So hat sie zum Beispiel „bei den Strickerinnen, in der Pelzschneiderei und schließlich in der Häftlingsgeldverwaltung“[15] gearbeitet. Im Lager blieb sie ihrer religiösen Überzeugung treu, unterstützte Mitgefangene und betete gemeinsam mit ihnen.[16] Sie war oft krank und wurde einmal nach 14 Tagen Fieber zum Sterben auf den Vernichtungsblock eingeliefert, konnte jedoch durch die Hilfe zweier Mitgefangenen überleben.[17] Sie blieb bis zum Kriegsende in Ravensbrück inhaftiert, bis es ihr im April 1945 beim Todesmarsch nach Neustrelitz gelang, sich von der Kolonne abzusetzen und nach einigen Tagen Schwerin zu erreichen. Nach fast drei Monaten und einem beschwerlichen Heimweg kam sie im Juli 1945 wieder im Saarland an.[18]
Nachkriegszeit und Vermächtnis

Änne Meier nahm im Oktober 1945 ihre Arbeit beim Landratsamt wieder auf und arbeitete dort bis zur Pensionierung 1958 auf ihrer alten Stelle, zunächst in der Flüchtlingsfürsorge, später als Sachbearbeiterin für die Wiedergutmachung an politisch Verfolgten.[19] Trotz Enttäuschung darüber, wie schnell man wieder zur Tagesordnung überging und den körperlichen Schäden, die sie während ihrer Haftzeit erlitt,[20] konnte man ihren Geist nicht brechen. Sie engagierte sich bis ins hohe Alter in zahlreichen Organisationen, darunter zum Beispiel in der internationalen Friedensbewegung „Pax Christi“ und der „Lagergemeinschaft Ravensbrück“.[21]
Letztere wurde von ehemaligen Häftlingen des Frauen-KZ nach dem Krieg gegründet, die sich jedes Jahr zusammenfand, um sich der Aufklärung und dem Kampf gegen den wieder aufkeimenden Nationalsozialismus zu widmen. Ihre Aufklärungsarbeit sah Änne als ihre wichtigste Aufgabe: So dokumentierte sie Erinnerungen und KZ-Berichte, die sie dem Archiv der VVN (Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes) übergab, um gegen das Vergessen zu kämpfen.[22] Sie war 1985 Mitbegründerin des Adolf-Bender-Zentrums in St. Wendel.[23] Mit gesellschaftskritischem Engagement beteiligte sie sich an Demonstrationen und Aktionen (z.B. alternativen Rundfahrten zu den Stätten des Widerstands und der Verfolgung im Dritten Reich) und ging für ihre Überzeugungen auch auf die Straße.[24]
Für ihren aufrechten Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime in Beruf und Ehrenamt wurde Änne Meier am 26. Mai 1988 mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse ausgezeichnet.[25] Doch auch nach ihrem Tod am 20. Juli 1989 hat sie in ihrem Heimatort Spuren hinterlassen: 1997 wurde eine Förderschule nach ihr benannt und 2014 wurde der „Änne-Meier-Platz“ eingeweiht.[26] Seit 2018 gibt es in St. Ingbert einen ihr gewidmeten Stolperstein vor dem Haus, in dem sie 1942 verhaftet wurde.[27]
Verfasst von: Jeanne Blaes, Studentin der Historisch orientierten Kulturwissenschaften an der Universität des Saarlandes
Veröffentlicht: 09.02.2026; Zuletzt aktualisiert: 31.03.2026.
Zitate
Ich wußte, daß ich das Kreuz mittrage.“
Adolf-Bender-Zentrum e.V.: Änne Meier, S. 51.
Ich war versengt bis an die Wurzeln. Ich konnte nicht mehr mitleiden, mich nicht mehr freuen und wunderte mich, daß sich die Menschen so zivil und gastlich benehmen konnten.“
Wenke: Interview mit Änne Meier, S. 253. Änne Meier über ihre Gefühle nach der Heimkehr.
Ich schäme mich für mein Volk, das fähig war, solche Untaten zu begehen.“
Ebd., S. 255. Änne Meier über die Zeit im KZ.
Es soll nichts vergessen und verdrängt werden. Es kann ja wieder so kommen, wir sind auf dem besten Wege. […] Ich habe Angst, dass es noch einmal geschieht. Nicht an uns, sondern an anderen. Nicht in derselben Form.“
Ebd., S.256. Änne Meier über ihr Engagement als Zeitzeugin.
Ihre Lebensgeschichte belegt eindringlich, daß christlicher Glaube keineswegs identisch sein muß mit blindem Autoritätsgehorsam gegenüber der Institution Kirche, ihm vielmehr eine Kraft zum Widerspruch immanent sein kann.“
Mallmann / Paul: Das zersplitterte Nein, S. 176. Die Autoren Mallmann und Paul über Änne Meier.
Fußnoten
[1] Mallmann, Klaus-Michael / Paul, Gerhard: Das zersplitterte Nein. Saarländer gegen Hitler. Bonn 1989, S. 177.
[2] Adolf-Bender-Zentrum e.V. (Hrsg.): Änne Meier. „Ich wußte, daß ich das Kreuz mittrage". Ein Beispiel von Widerstand und Verfolgung während der NS-Zeit. St. Ingbert 1995, S. 17.
[3] Ebd., S. 22.
[4] Mallmann / Paul: Das zersplitterte Nein, S. 178.
[5] Adolf-Bender-Zentrum e.V.: Änne Meier, S. 30.
[6] Wenke, Bettina: „Ich wußte, daß ich das Kreuz mittrage. Interview mit Änne Meier.“ In: Wenke, Bettina (Hrsg.): Interviews mit Überlebenden. Verfolgung und Widerstand in Südwestdeutschland. Stuttgart 1980, S. 244.
[7] Mallmann / Paul: Das zersplitterte Nein, S. 180.
[8] Braß, Christoph: Zwangssterilisation und ‚Euthanasie‘ im Saarland 1933–1945. Paderborn 2004, S. 54f.
[9] Ebd., S. 177.
[10] Adolf-Bender-Zentrum e.V.: Änne Meier, S. 33.
[11] Wenke: Interview mit Änne Meier, S. 243.
[12] Ebd. S. 245f.
[13] Mallmann / Paul: Das zersplitterte Nein, S. 177.
[14] Wenke: Interview mit Änne Meier, S. 246f.
[15] Mallmann / Paul: Das zersplitterte Nein, S. 180.
[16] Wenke: Interview mit Änne Meier, S. 251.
[17] Ebd., S. 251.
[18] Ebd., S. 252f.
[19] Mallmann / Paul: Das zersplitterte Nein, S. 180f.
[20] Wenke: Interview mit Änne Meier, S. 254f.
[21] Ebd., S. 258f.
[22] Ebd., S. 256.
[23] Adolf-Bender-Zentrum e.V.: „Verein zur Förderung demokratischer Tradition“. Online unter: https://adolfbender.de/ueber-uns/verein/ (letzter Zugriff: 20.11.2025).
[24] Adolf-Bender-Zentrum e.V.: Änne Meier, S. 51.
[25] Mallmann / Paul: Das zersplitterte Neins, S. 181.
[26] Kihm, Herbert: „Änne Meier“. Online unter: https://www.saarland-lese.de/persoenlichkeiten/m/meier-aenne/aenne-meier/ (letzter Zugriff: 20.11.2025).
[27] Schetting, Manfred: „Erinnerung an eine mutige Frau“. In: Saarbrücker Zeitung, online unter: https://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/saar-pfalz-kreis/sanktingbert/gedenkfeier-am-stolperstein-fuer-aenne-meier-in-st-ingbert_aid-65525901 (letzter Zugriff: 20.11.2025).
Zum Weiterlesen / Literatur / Quellen
Adolf-Bender-Zentrum e.V. (Hrsg.): Änne Meier. „Ich wußte, daß ich das Kreuz mittrage". Ein Beispiel von Widerstand und Verfolgung während der NS-Zeit. St. Ingbert 1995.
Adolf-Bender-Zentrum e.V.: „Verein zur Förderung demokratischer Tradition“. Online unter: https://adolfbender.de/ueber-uns/verein/ (letzter Zugriff: 20.11.2025).
Braß, Christoph: Zwangssterilisation und ‚Euthanasie‘ im Saarland 1933–1945. Paderborn 2004, S. 177f., 282.
Kihm, Herbert: „Änne Meier“. Online unter: https://www.saarland-lese.de/
persoenlichkeiten/m/meier-aenne/aenne-meier/ (letzter Zugriff: 20.11.2025).
Mallmann, Klaus-Michael / Paul, Gerhard: Das zersplitterte Nein. Saarländer gegen Hitler. Bonn 1989, S. 176–181.
Schetting, Manfred: „Erinnerung an eine mutige Frau“. In: Saarbrücker Zeitung, online unter: https://www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/saar-pfalz-kreis/sanktingbert/
gedenkfeier-am-stolperstein-fuer-aenne-meier-in-st-ingbert_aid-65525901 (letzter Zugriff: 20.11.2025).
Wenke, Bettina: „Ich wußte, daß ich das Kreuz mittrage. Interview mit Änne Meier.“ In: Wenke, Bettina (Hrsg.): Interviews mit Überlebenden. Verfolgung und Widerstand in Südwestdeutschland. Stuttgart 1980, S. 241–259.


