
Maria Elisabetha Kraemer
Geborene Stumm
21.06.1837 in Neunkirchen
21.01.1927 in St. Ingbert
Über Maria Kraemer
Unternehmergattin und Mäzenin
Maria Kraemer war die um ein Jahr jüngere Schwester von Carl Ferdinand Stumm, der das Neunkircher Eisenwerk mit Zuckerbrot und Peitsche regierte und von der aufstrebenden Sozialdemokratie als „König von Saarabien“ bezeichnet wurde. Obwohl sie sehr privilegiert im prächtigen klassizistischen Herrenhaus der Stumms an der Saarbrücker Straße aufwuchs, hatte sie im Laufe ihres Lebens manchen Schicksalsschlag zu verkraften. So wurde sie im Alter von 11 Jahren zur Halbwaise, da ihr Vater sich das Leben nahm. Sie war 19, als sie den um acht Jahre älteren Heinrich Kraemer heiratete, den kaufmännischen Leiter des St. Ingberter Eisenwerkes, der sich später mit seinem Cousin Oskar die Unternehmensleitung teilte.
Gastgeberin auf Schloss Elsterstein und Unterstützerin der evangelischen Kirchengemeinde
Das junge Paar richtete sich nach der Hochzeit häuslich auf Schloss Elsterstein ein, das in einen weitläufigen Park eingebettet war und erhaben über der Stadt St. Ingbert thronte. Maria kümmerte sich um die Erziehung ihrer beiden Söhne Heinrich (geboren 1858) und Friedrich (geboren 1863), außerdem war sie karitativ tätig: Während des Deutsch-Französischen Krieges, dessen Schlachten auch in der Nähe von St. Ingbert ausgefochten wurden, organisierte sie die Pflege der Verwundeten. Für dieses Engagement erhielt sie nicht nur das Eiserne Kreuz am schwarz-weißen Band, sondern ihr wurde auch von französischer Seite eine Ehrenmedaille verliehen.[1]

Die evangelische Kirchengemeinde konnte ebenfalls auf ihre Unterstützung bauen, so spendierte sie der Martin-Luther-Kirche 1865 eine Orgel und 1905 eine Glocke, die ihren Namen erhielt und noch bis 1953 ihren Dienst tat. Anlässlich ihrer goldenen Hochzeit veranlasste sie eine Stiftung, die unter dem Namen Heinrich-Maria-Stiftung Jahr um Jahr bedürftigen Familien unter die Arme griff.
Gemeinsam mit Anna Kraemer, geborene Hauck, die mit dem Cousin ihres Mannes, Oskar Kraemer verheiratet war und im Rentrischer Schlösschen residierte, setzte sie sich für den Aufbau einer Diakonissenstation ein. 1865 konnten die beiden Frauen den Erfolg verbuchen, dass die erste Diakonisse ihren Dienst in der Kranken- und Armenpflege antrat, ein wichtiger Schritt beim Aufbau eines geregelten Unterstützungswesens. Drei Jahre später wurde mit Geldern der Familie Kraemer in der Josefstaler Straße ein Haus erbaut, in das eine Kleinkinderbewahranstalt für die Kinder der Fabrikarbeiter einzog und die mittlerweile drei Diakonissen eine Wohnstatt erhielten. Von hier aus konnten die Gemeindeschwestern auch die Patienten im nahe gelegenen Schmelzer Spital in der Kohlenstraße betreuen. 1909 schenkten die Kraemers das Haus dem Evangelischen Diakonieverein, der aus dem von den Damen Kraemer gegründeten Frauenverein hervorgegangen war.

Auch dem Frauenverein vom Roten Kreuz stand Maria Kraemer gemeinsam mit Anna Kraemer vor und organisierte einen weiblichen Sanitätsdienst.
Neben den karitativen Aufgaben spielte die Repräsentation eine wichtige Rolle im Leben großbürgerlicher Frauen. Maria Kraemer führte ein herrschaftliches Haus, das neben der vierköpfigen Familie auch jede Menge Bedienstete umfasste. Ein Gästebuch des Elstersteins, das im Jahr 1869 angelegt und mit hochwertigen Details liebevoll ausgeschmückt wurde, dokumentiert über Jahre die gesellschaftlichen Aktivitäten, die für die Kontaktpflege in diesen Kreisen unerlässlich waren. Oft weilten die Gäste über mehrere Tage oder gar Wochen auf Schloss Elsterstein. Jedes Jahr im Oktober fanden mehrtägige Treibjagden mit abendlichen Nobel-Soupers statt, bei denen sich die Herrinnen von Schloss Elsterstein und dem Rentrischer Schlösschen in der Bewirtung ihrer oft adligen Gäste abwechselten.
Zu Anfang des 20. Jahrhunderts wurde es stiller auf Schloss Elstertein, spätestens1912 mit dem Tod des Hausherrn Heinrich Kraemer. Übrig blieb seine Witwe Maria, die im gleichen Jahr noch den Verlust ihres jüngsten Sohnes verkraften musste, der in seinem Ormesheimer Jagdschlösschen seinem Leben ein vorzeitiges Ende gesetzt hatte.
Die Unternehmergattinnen Maria und Anna Kraemer können als anschauliches Beispiel des bürgerlichen Familienideals des 19. Jahrhunderts gelten, das eine strikte Rollenteilung der Geschlechter vorsah: Aufgabe der Frauen war es, dem Haushalt vorzustehen und durch gehobene Gastlichkeit zur standesgemäßen Repräsentation beizutragen und das Renommee der Familie zu mehren. Auch das soziale Engagement wurde als weibliches Betätigungsfeld angesehen, was Frauen aus diesen Kreisen jedoch willkommene Gelegenheit bot, in ihrem Umfeld Positives zu bewirken und ihren Einfluss geltend zu machen.
Verfasst von: Dr. Susanne Nimmesgern, Historikerin und Frauenbeauftragte des Saarpfalz-Kreises
Veröffentlicht: 30.10.2025; Zuletzt aktualisiert: 31.03.2026.
Zitate
In stummer Trauer stehen heute die ehrwürdigen Baumriesen im Schlosspark Elsterstein. Ehrfurchtsvoll neigen sich ihre Äste und Zweige vor der Bahre ihrer Herrin, die man heute zum Schloss hinausträgt, um sie an die Seite ihres Gatten in die Familiengruft dem kühlen Schoß der Erde zu übergeben. Wenn diese alten Baumriesen noch reden könnten. Sie würden erzählen von den Tagen, als die Greisin, die man heute hinausträgt, noch als glückliche Braut und junge Gattin an der Seite ihres Mannes unter ihrem Schatten wandelte. Sie könnten erzählen von der Gastfreundschaft und den frohen Festen auf Schloss Elsterstein zu Zeiten, als die Familie Kraemer im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens an der Saar stand.[...]
Am offenen Grabe ergriff Stadtpfarrer Albrecht das Wort zu einer tiefergreifenden Rede, in der er der Verdienste der Verstorbenen um die evangelische Kultusgemeinde besonders gedachte. Er bezeichnete Frau Kraemer als gute, fromme, treuliche Mutter und Gattin, als welche sie die ganze Kultusgemeinde gekannt hat.“
Bericht im St. Ingberter Anzeiger vom 27. Januar 1927, abgedruckt bei Scholl, Josef: Schloss Elsterstein und die Leyenschen Güter mit Wald und Kohlengruben, St. Ingbert 1981, S. 76 f.
Fußnote
[1] Vgl. hierzu Orth, Karl: Die Orth und die Krämer. Geschichte zweier Kurpfälzer Familien, München/Berlin 1935, S. 159f.
Zum Weiterlesen
Nimmesgern, Susanne: Die Schmelzerinnen: Unternehmerinnen, Hüttenfrauen, Zwangsarbeiterinnen auf dem St. Ingberter Eisenwerk, hrsg. von der Initiative Alte Schmelz St. Ingbert, St. Ingbert 2012, S. 197-203.


