Digitale Zeichnung des Portraits einer Frau

Die sog.  „Fürstin“ von Reinheim 

 /    4. Jahrhundert vor Christus


Über die „Fürstin“ von Reinheim

Herausragende Frau zur Zeit der Kelten

Eine Gemeinschaft entschließt sich nach dem Tod eines ihrer Mitglieder dazu, ihm ausgesprochen wertvolle Objekte in die Grabkammer zu legen und anschließend mit viel Anstrengung einen weithin sichtbaren Hügel darüber zu errichten. Währenddessen werden diejenigen, die für die Herstellung der kunstvollen Beigaben sowie die Erbauung des Grabes zuständig waren, ohne einen solchen Aufwand bestattet.

Selbst ohne Wissen über die genauen Motive lässt sich aus solchen Verhältnissen schließen, dass die Person in der reich ausgestatteten Grabkammer zu Lebzeiten eine herausragende Stellung in der Gemeinschaft gehabt haben muss. Die beschriebene Situation findet sich zu verschiedenen Zeiten in der Weltgeschichte wieder und passt auch zum Grab der sogenannten „Fürstin“ von Reinheim.

auf schwarzem Grund sind der goldene Halsreif, sowie die beiden Armringe aus dem Reinheimer Elitengrab abgebildet.
Der goldene Ringschmuck aus dem Reinheimer Elitengrab.


Ein Blick in das Reinheimer Elitengrab

Nachdem es 1954 entdeckt wurde, lässt sich noch während der dreitägigen Ausgrabung aufgrund der besonderen Funde feststellen, dass es sich hierbei um ein Elitengrab handelt.[1] Obwohl bereits alle Knochen vergangen sind,[2] ist auch das Geschlecht der bestatteten Person schnell klar: Der Halsring sowie die beidseitig getragenen Armringe verweisen archäologisch auf die Frauentracht der Zeit.

Als „Fürstin von Reinheim“ [3] wird der Fund weltberühmt. Das Grab wurde im 4. Jahrhundert v. Chr. errichtet und gehört zur Frühlatènekultur,[4] die zu „den Kelten“ gezählt wird. Diese lebten in vielen Teilen Europas und haben auch im Saarland eine Vielzahl von Spuren hinterlassen.

Farbzeichnungen eines bronzenen Spiegels und einer bronzenen Röhrenkanne.
Bronzener Handspiegel und vergoldete Bronzekanne aus dem Elitengrab von Reinheim (links: Keller 1965, Tafel 28a oben; rechts: Keller 1965, Tafel 19).


Zu diesen gehören auch der Schmuck, das Trinkservice und die weiteren Gegenstände aus dem besonderen Reinheimer Frauengrab.[5] Die Frau trug im Grab einen gedrehten Halsreif aus Gold – ein Machtsymbol bei den Kelten. Ihre Arme und Finger schmückten Ringe aus Gold, Glas und Ölschiefer. Ihr nicht mehr erhaltenes Gewand wurde durch kunstvolle Fibeln, also Gewandspangen, zusammengehalten. Neben ihr – möglicherweise in einem Behältnis aus Stoff oder Holz – befand sich weiterer Schmuck, wie eine Gürtelkette und ein beeindruckendes Collier aus über 100 Bernstein- und Glasperlen. Zwei bronzene Schalen, goldene Beschläge von Trinkhörnen und eine vergoldete Bronzeröhrenkanne von einem halben Meter Höhe stellen ein prunkvolles Trinkservice dar. Zusätzlich befanden sich im Grab unter anderem noch ein Spiegel, ein Messer, ein Bernsteinstab sowie verschiedene Anhänger und Steine.

Interessant sind neben dem reinen Materialwert und der Anzahl hochwertiger Objekte ihre Verzierung. Sowohl die Schmuckobjekte, wie Hals- und Armringe oder Fibeln, als auch das Trinkservice sind kunstvoll gestaltet. Sie zeigen fein gearbeitete florale und geometrische Ornamente sowie zum Teil auch menschliche Gesichter. Die Köpfe an den Endstücken eines der Goldarmringe lassen sich als Darstellung einer weiblichen Gottheit interpretieren. Sie vereint Aspekte der griechischen Göttin Athena bzw. der etruskischen Minerva mit Eigenschaften der Göttin Artemis als Herrin der Tiere.[6] Auch an Halsreif und Spiegel finden sich bartlose Gesichter, die vielleicht ebenfalls Frauenfiguren verkörpern.[7]

Farbfoto Detailaufnahme der Figur auf dem Amreif.
Detail des goldenen Armreifs aus dem Elitengrab von Reinheim (Keller 1965, Tafel 13, oben rechts).

 

Herrscherin? Priesterin? Fürstin?

Wer war also die bestattete Frau? Anhand der Beigaben lassen sich unter anderem Handelsbeziehungen bzw. Fernkontakte erkennen.[8] Gold, Bernstein, Koralle, Kupfer, Zinn und Glas – viele der verarbeiteten Materialien stammen nicht aus der Region rund um Reinheim.[9] Auch die Formgestaltung einiger Objekte wie die genannten Zierelemente, die sich auf den Mittelmeer-Raum beziehen, verweisen auf Kontakte zu anderen Kulturen. Vielleicht gehörte die Frau also zu einer Gruppe, die den Handel ihrer Gemeinschaft bzw. in ihrer Region kontrollierte.

Farbzeichnung 12 verschiedener Perlen.
Perlen aus Glas und Stein aus dem Elitengrab von Reinheim.


Zudem wurden in dem Grab auch einige Objekte gefunden, die – im Gegensatz zu Schmuck oder Trinkgefäßen – kaum einem profanen, also alltäglich weltlichen, Gebrauch zugeordnet werden können. So lässt sich aus einem griffartigen Objekt aus Bernstein und einigen Perlen mithilfe von Vergleichen ein Stab mit klapperndem Gehänge rekonstruieren.[10] Wie dieser haben auch eine Sammlung kleinerer Anhänger und Steine, u.a. zwei Anhänger, die nackte Männer (evtl. tanzend) abbilden, eine steinzeitliche Pfeilspitze oder ein Bruchstück eines Ammoniten keine eindeutige Funktion.[11] Daher wird in der Forschung überlegt, ob die Objekte vielleicht als Amulette oder bei religiösen Riten verwendet wurden und die bestattete Frau als Teil einer kultischen Elite, z.B. als eine Art Priesterin, kennzeichneten.[12] Es lässt sich jedoch kaum mehr rekonstruieren, an was die Gemeinschaft an der Blies tatsächlich glaubte und welche Praktiken Teil ihres möglichen Glaubens waren.

 

Eine mächtige Frau

Obwohl offenbleiben muss, welche Rolle die Frau in ihrer Gemeinschaft einnahm: es ist eindeutig, dass sie eine herausgehobene Stellung und Mittel hatte auf exklusive Objekte zuzugreifen. Auch nach ihrem Tod erhielt sie von ihren Mitmenschen Anerkennung. Damit ist sie als Frau in der Vor- und Frühgeschichte und auch unter den Kelten kein Einzelfall. Zu nennen sind hier z.B. die „Fürstin“ von Vix oder die „Prinzessin“ von Schengen.

Es ist also ein Irrglaube, wenn man davon ausgeht, dass vor über 2.000 Jahren Frauen solche gesellschaftlichen Stellungen nicht erreichen konnten. Bei einer übergreifenden Betrachtung von weiblichen Eliten in der Frühgeschichte fiel auf, dass Frauen häufig in religiösen Bereichen zu hohen Positionen gelangten.[13] Dies schließt eine politische oder wirtschaftliche Machtstellung jedoch nicht aus - besonders in Gesellschaften, in denen Kult und Herrschaft nicht unbedingt strikt getrennt waren.


Verfasst von: Helen Tepper M.A., Projektkoordination Frauenspuren im Saarpfalz-Kreis

Veröffentlicht: 15.09.2025; Zuletzt aktualisiert: 31.03.2026.

Film

Eine Version davon, wie das Leben der „Fürstin“ ausgesehen haben könnte,  zeigt der folgende Kurzfilm aus dem Jahr 2018, den der Europäische Kulturpark Bliesbruck-Reinheim in Auftrag gegeben hat.

Mit freundlicher Genehmigung des Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim | Ein Film von Friedrich van Schoor & Tarek Mawad

Fußnoten

[1] Vgl. Keller, Das keltische Fürstengrab von Reinheim, Mainz 1965, S. 14.

[2] Ebd., S. 17.

[3] Da mit dem Begriff der „Fürstin“ bestimmt Assoziationen zu moderneren Herrschafts- oder Gesellschaftsform verbunden sind, wird mittlerweile oft versucht die herausgehobene Stellung solcher Gräber und der Bestatteten neutraler zu beschreiben.

[4] Zur Datierung siehe: Stinsky/Matzerath, Die sogenannte Fürstin von Reinheim, in: Saarpfalz, H. 149, 2023, S. 11.

[5] Hierzu und zum Folgenden vgl. Auflistung der Funde bei: Keller 1965, S. 17–19.

[6] Echt, Das Fürstinnengrab von Reinheim, Bonn 1999, S. 42–50; Haffner, Alfred: Wer war die Dame von Reinheim?, in: Petit, Jean-Paul (Hrsg.): Europäischer Kulturpark Bliesbruck-Reinheim - 2500 Jahre Geschichte, Dijon 2013, S. 24.

[7] Echt 1999, S. 39; Haffner 2013, S. 25.

[8] Stinsky/Matzerath 2023, S. 19.

[9] Ebd., S. 12.

[10] Vgl. Haffner 2013, S. 26–27.

[11] Echt 1999, S. 84–89; S. 106.

[12] Ebd., S. 111; Haffner 2013, S. 33.

[13] Quast, Weibliche Eliten - eine Einführung, in: Ders. (Hrsg.): Weibliche Eliten in der Frühgeschichte, Mainz 2011, S. 1.

Zum Weiterlesen / Literatur

Echt, Rudolf: Das Fürstinnengrab von Reinheim. Studien zur Kulturgeschichte der Früh-La-Tène-Zeit, Bonn 1999 (Saarbrücker Beiträge zur Altertumskunde Band 69).

Haffner, Alfred: Wer war die Dame von Reinheim?, in: Petit, Jean-Paul (Hrsg.): Europäischer Kulturpark Bliesbruck-Reinheim - 2500 Jahre Geschichte. Kelten, Römer und Franken in Lothringen und im Saarland, Dijon 2013 (Les dossiers d’archéologie Sonderh. 24), S. 20–33.

Keller, Josef: Das keltische Fürstengrab von Reinheim. Band 1, Mainz 1965.

Quast, Dieter: Weibliche Eliten - eine Einführung, in: Ders. (Hrsg.): Weibliche Eliten in der Frühgeschichte. Internationale Tagung vom 13. bis zum 14. Juni 2008 im RGZM im Rahmen des Forschungsschwerpunktes "Eliten", Mainz 2011 (RGZM - Tagungen 10), S. 1–4.

Stinsky, Andreas/Matzerath, Simon: Die sogenannte Fürstin von Reinheim. Begutachtung der Fernkontakte im Inventar der frühlatènezeitlichen Prunkbestattung, in: Saarpfalz. Zeitschrift für Geschichte und Regionalkultur, H. 149, 2023, S. 8–25.


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