Ein historischer Meilenstein jährt sich in diesen Tagen zum 35. Mal: Am 17. Juni 1991 unterzeichneten der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl und der polnische Ministerpräsident Jan Krzysztof Bielecki samt den jeweiligen Außenministern in Bonn den „Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“. Nach den tiefen Wunden des Zweiten Weltkrieges und dem Fall des Eisernen Vorhangs legte dieses historische Abkommen das rechtliche und politische Fundament für eine dauerhafte Aussöhnung, enge Partnerschaft und ein friedliches Zusammenleben im Herzen Europas. Der Vertrag sicherte nicht nur Minderheitenrechte und die Unverletzlichkeit der Grenzen, sondern öffnete vor allem die Türen für eine intensive Zusammenarbeit auf regionaler und kommunaler Ebene, die seither das wahre Herzstück der deutsch-polnischen Freundschaft bildet.
Als Region im direkten französisch-deutschen Grenzgebiet hat der Saarpfalz-Kreis die Kraft von Aussöhnung und internationaler Freundschaft früh verstanden. Bereits seit den 1990er Jahren unterhält der Kreis intensive internationale Kontakte und hat sein Partnerschaftsnetzwerk kontinuierlich ausgebaut. Ausgehend von den ersten Kontakten und kulturellen Austauschen des Vereins „Begegnungen auf der Grenze“ und den Jugendaustauschen im Spohns Haus, steht im Mittelpunkt der deutsch-polnischen Zusammenarbeit dabei die tief verwurzelte, älteste Partnerschaft des Saarpfalz-Kreises mit dem Landkreis Przemyśl (Woiwodschaft Karpatenvorland). In diesem Jahr blickt der Saarpfalz-Kreis mit Stolz auf das 15-jährige Jubiläum dieser engen Verbindung zurück.
Diese langjährige Partnerschaftsarbeit, die im Geiste des „Weimarer Dreiecks“ auch die Brücke zwischen Frankreich, Deutschland und Polen schlägt, wird von Beginn an von Dr. Violetta Frys, der Leiterin der Stabsstelle Europa und Europabeauftragten des Saarpfalz-Kreises, mit großem Engagement koordiniert und mit Leben gefüllt. Dr. Frys wurde einst vom damaligen Landrat Clemens Lindemann gezielt für das Vorantreiben der deutsch-polnischen Zusammenarbeit eingestellt und baute die Kreispartnerschaften auch unter dessen Nachfolger Dr. Theophil Gallo kontinuierlich aus. Der amtierende Landrat Frank John blickt heute auf ein stabiles Fundament bürgernaher Projekte, die Dr. Frys für den Landkreis weiterhin ausführt.
Wie lebendig, fachlich tiefgründig und zukunftsorientiert dieser deutsch-polnische Geist im Jubiläumsjahr 2026 ist, zeigte sich jüngst bei der Europawoche des Saarpfalz-Kreises. Die Zusammenarbeit verbindet stets das historische Erbe mit den drängendsten Fragen der Gegenwart. So wurden gemeinsam mit den internationalen Partnern Kernthemen wie die Kooperation von Biosphärenreservaten, die Zukunft der Altenpflege, die Wirtschaftslage sowie der Schutz von Einrichtungen der Daseinsvorsorge beraten. Auch das hochaktuelle Thema Cybersicherheit wurde bei einem Termin mit dem CISPA Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit intensiv erörtert.
Wie konkret der gegenseitige Nutzen ist, bewies zudem ein im Mai in der Kreisverwaltung organisierter Workshop zum Thema „Notfallprotokoll-System für den Saarpfalz-Kreis und die Kommunalverwaltungen“ des polnischen Beratungsunternehmens JP Weber. Hier flossen ganz aktuell auch schmerzhafte, aber wertvolle Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg ein. Das vorgestellte System zur schnellen Erfassung und Bewältigung von Krisensituationen stieß bei den Landkreisen auf großes Interesse für die künftige Krisenvorsorge.
Dass die deutsch-polnische Zusammenarbeit nicht nur auf Verwaltungs-, sondern auch auf der Bürgerebene Früchte trägt, bewies die darauffolgende Jugendbegegnung im Kreis: Eine elfköpfige Gruppe junger Pfadfinder des polnischen ZHR-Verbandes aus dem Partnerkreis Łańcut (ebenfalls Woiwodschaft Karpatenvorland) reiste zu einem fünftägigen Besuch nach St. Ingbert zur Pfadfinderschaft St. Ingbert Mitte.
Erst Ende September vergangenen Jahres hatten die Vorsitzenden der DPSG St. Ingbert Mitte, Stefan Gress und Christian Klein, während einer offiziellen Delegationsreise des Saarpfalz-Kreises im polnischen Łańcut eine Absichtserklärung zur Förderung des Jugendaustausches unterzeichnet. Dank der Vermittlung von Landrat Frank John und seinem polnischen Amtskollegen Adam Krzysztoń (Landkreis Łańcut) sowie finanzieller Unterstützung durch die Union-Stiftung Saarbrücken, das Deutsch-Polnische Jugendwerk zusammen mit der gemeinnützigen Sanddorf- Stiftung Regensburg konnte diese Vereinbarung nun in Rekordzeit in die Tat umgesetzt werden.
Gemeinsam mit ihren deutschen Pfadfinder-Kolleginnen und -Kollegen erkundeten die Jugendlichen bei strahlendem Sonnenschein die europäische Grenzregion. Auf dem Programm standen unter anderem Besuche des UNESCO-Weltkulturerbes Völklinger Hütte, des Carreau Wendel im benachbarten Frankreich sowie der Klöster Gräfinthal und Blieskastel. Neben einem offiziellen Empfang im St. Ingberter Rathaus, einer Führung im Becker-Turm und einem Themen-Nachmittag in der Rohrbacher Mühle durften auch gesellige Fixpunkte wie ein Freibad-Besuch und der obligatorische „Wurst-Stopp beim Schleppi“ nicht fehlen.
Während der gesamten Projektanbahnung und -ausführung stand Dr. Violetta Frys den Pfadfindervereinen tatkräftig zur Seite. Als gebürtige Polin unterstützte sie das Treffen auch sprachlich – wobei sie eine ganz wesentliche Beobachtung machte:
„Es ist faszinierend zu sehen, wie die Sprachbarriere zwischen den Jugendlichen quasi im Minutentakt geschrumpft ist. Englisch funktioniert heute für die junge Generation als ganz natürliche Brücke, um sofort miteinander ins Gespräch zu kommen. Aber das Schönste ist der gegenseitige Respekt vor der Sprache des anderen: Viele junge Polinnen und Polen lernen mit großem Ehrgeiz Deutsch, und auf der anderen Seite erleben wir, dass immer mehr Deutsche Polnisch lernen wollen. Für diesen Bedarf wurden bereits wichtige Strukturen geschaffen. Wenn Sprache kein Hindernis mehr ist, sondern ein Werkzeug der Neugier, dann ist das gelebtes Europa in Bestform“.
Beim Abschied stand fest: Diese Begegnung war erst der Anfang. Für den kommenden Sommer wurde bereits ein Gegenbesuch der St. Ingberter DPSG-Pfadfinder im Landkreis Łańcut auf Einladung von Wojciech Trawka und Kacper Sawicki, den beiden Leitern der polnischen Pfadfinder, vereinbart. Die geknüpften Kontakte sollen nachhaltig vertieft werden und künftig auch zu ganz persönlichen Treffen abseits organisierter Programme führen.
Für Landrat Frank John zeigt dieses Projekt par excellence, worum es beim 35-jährigen Jubiläum des Nachbarschaftsvertrags im Kern geht:
„Ein Vertrag auf Papier ist das Fundament, aber die Menschen – und ganz besonders die Jugend – sind es, die die deutsch-polnische Freundschaft mit Leben füllen. Wenn junge Menschen über Grenzen hinweg Gemeinsamkeiten entdecken und Freundschaften schließen, ist das europäische Zukunft im schönsten Sinne.“
Informationen zu den Kreispartnerschaften und zur Europaarbeit des Saarpfalz-Kreises sind bei der Leiterin der Stabsstelle Europa Dr. Violetta Frys, unter Tel. (06841) 104-8273 oder unter den E-Mail-Adressen europa@saarpfalz-kreis.de sowie violetta.frys@saarpfalz-kreis.de erhältlich.
